Bibelauslegung aktuell – Neutestamentler am ESG

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Was hat die Autobiografie von Philipp Lahm mit der Auslegung der Bibel zu tun? Diese Frage warf Jan Rüggemeier von der Uni Tübingen auf. Zum Thema „Die Bibel und ihre Auslegung“ war er am 18.02.14 zu Gast im Religionsunterricht einer 10. Klasse des ESG. Beim Besuch des wissenschaftlichen Assistenten der Ev.-theologischen Fakultät nahmen aber auch die Jugendlichen die Gelegenheit ausführlich wahr, ihrerseits Fragen rund um die Bibel zu stellen. „Solche Begegnungen zwischen Schule und Wissenschaft sind häufig für beide Seiten gewinnbringend“, erklärt Religionslehrer Simon Schäfer.
Für den Vergleich der Autobiografie des berühmten Fußballers und der Auslegung der Bibel unternahm Rüggemeier mit den Schülern einen erdachten Besuch in einem Buchladen. Will man eine Autobiografie kaufen, hat man bestimmte Erwartungen daran. Zahlreiche dieser Erwartungen konnten die Schüler nennen: Eine berühmte Person stellt im hohen Alter rückblickend ihr Leben dar. Dabei erzählt sie selbst in der Ich-Perspektive wichtige Ereignisse und deren Auswirkungen wahrheitsgemäß. Obwohl einige dieser Merkmale nicht auf das Buch von Philipp Lahm zutreffen – weil der Münchener Fußballstar seine Autobiografie bereits vor seinem 30. Geburtstag geschrieben hat und ihm vermutlich ein Ghostwriter zur Seite stand –, wird das Werk als Autobiografie bezeichnet und wahrgenommen. So auch von den Schülern, die in derartigen Abweichungen keineswegs ein Problem sahen. Das Experiment verdeutlichte, dass die Merkmale einer Gattung zeitlich und kulturell wandelbar sind. „Zugleich hängt das Verständnis eines Textes aber ganz maßgeblich von den Erwartungen ab, die wir an diesen herantragen. Hierzu zählt auch die Frage, ob wir einen Text auf seinem Wahrheitsgehalt befragen“, erläuterte der Theologe. Diese Sachverhalte treffen auch auf die Texte der Bibel zu.
„Wie wir heutzutage Erwartungen an die Gattung Autobiografie haben, so hatten auch die Menschen in der Antike Erwartungen an biblischen Texte“, so der Neutestamentler weiter. Sie verstanden etwa die Schöpfungserzählungen am Anfang der Bibel nicht als naturwissenschaftliche Texte im heutigen Sinn und hielten sie deshalb nach den Merkmalen dieser Textgattung auch nicht für wahr. Vielmehr erkannten sie die grundlegende Wahrheit darin, dass Gott die Welt liebevoll geschaffen hat. Der Mensch erscheine so keineswegs als Zufallsprodukt, sondern als von Gott zutiefst gewollt und geliebt – eine Erkenntnis, die über die Möglichkeiten einer naturwissenschaftlichen Weltdeutung hinausweisen.
In der Fragerunde an Rüggemeier wollten die Schüler mehr zum Wahrheitsgehalt biblischer Erzählungen wie der Auferstehung Jesu wissen. Die Auferstehung sei aus geschichtswissenschaftlicher Sicht nicht historisch, weil sie etwa nicht wiederholbar und damit nicht beweisbar sei. Trotzdem könne sie vor etwa 2000 Jahren in Jerusalem in Raum und Zeit geschehen sein. So jedenfalls bezeugen es die Texte des Neuen Testaments. Noch näher als diese Aussage komme man wissenschaftlich nicht an das Ereignis der Auferstehung heran. Auch zum Sterben Jesu, der Frage nach dem Leid in der Welt und der Gerechtigkeit Gottes musste Rüggemeier den Zehntklässlern Rede und Antwort stehen.
„Besonders interessant fand ich die Fragen und die Diskussion“, resümierten am Ende viele Schüler. Auch Rüggemeier freute sich über die gelungene Begegnung: „Es war interessant zu sehen, mit welchen eigenen Vorstellungen und Erwartungen die Schüler an heutige Texte und biblische Aussagen herantreten und welche Lebensfragen sich für sie damit verbinden. In der Begegnung steckte viel Lebendigkeit.“
S. Schäfer
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