Jede Menge Theater in der 8e

Gozilla

Wenn in Klasse 8 im Deutschunterricht Schillers berühmtes Drama „Wilhelm Tell“ behandelt wird, ist das für viele Schülerinnen und Schüler der erste Kontakt zum Theater überhaupt. Wer aber noch nie erlebt hat, was auf einer Bühne zu sehen und mitzuerleben ist, tut sich oft etwas schwer mit einem Dramentext, der nur zur Lektüre vorliegt: hier erfährt man fast nur, was die Figuren sagen, nur sehr reduziert erhält der Leser in wenigen Regieanweisungen Hinweise auf ihre Handlungen und die Orte, in denen die Szenen spielen. Das macht ein Stück weniger zugänglich, als es inszeniert zu sehen, vor allem dann, wenn sich die Figuren, wie im Fall des Tells, altmodisch und kompliziert ausdrücken. Wie also kann man sich dem Theater sinnvoll annähern? Die Klasse 8e war sich darin einig, einen doppelten Zugang zu wählen: neben der Auseinandersetzung mit dem Drama im Unterricht wollte die Klasse richtige Theaterluft schnuppern – und zwar vor und hinter den Kulissen. Zwei Schülerinnen, Annika Ganser und Pia Stützle, ermöglichten das, indem sie passende Exkursionen für die Klasse vorbereiteten und durchgeführten. Im Unterricht wurden zunächst verschiedene Zugänge zum Tell erprobt: hier wurden Hintergrundinformationen recherchiert und in Kurzvorträgen präsentiert, einzelne Dialoge in ein modernes Deutsch übersetzt, wichtigste Szenen nachgespielt, geeignete Bühnenbilder diskutiert, sich in Personen hineinversetzt und aus ihrer Perspektive Dialoge ergänzt, wichtige Textstellen interpretiert und und und… Dann ging daran, den echten Theaterbetrieb kennenzulernen. Die erste Exkursion führte ins JES, das Junge Ensemble Stuttgart, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, jugendgerechte Inszenierungen auf die Bühne zu bringen. Annika Ganser schreibt über unseren Besuch im JES, wo gerade „Gozilla“ aufgeführt wurde: „Wir wurden sehr nett von einem Mitarbeiter des JES empfangen. Dieser erklärte uns und noch einer anderen Klasse, dass das Theaterstück Godzilla kein normales Theaterstück ist, sondern ein Hörspieltheater. Bei einem Hörspieltheater wird mehr wert auf die Geräusche und Stimmen der Schauspieler gelegt als auf das Schauspiel. Es gibt nicht für jede Rolle einen Schauspieler, aber die Geräusche werden größtenteils selbst von den Schauspielern erzeugt. Nun ging es zur Aufführung auf der Probebühne. Dort standen Stühle und Polster zum Sitzen um ein kleines Viereck aus drei Tischen und einer kleinen Leinwand. Hinter dem vorderen Tisch saßen zwei Personen. Auf den Tischen standen allerlei Instrumente und Utensilien, mit denen die Schauspieler die Geräusche erzeugten. Zum Beispiel erzeugten sie die Wellen von einem See, indem sie eine Schüssel mit Wasser hin und her schwenkten und das Geräusch über ein Mikrofon wiedergaben. Als Schritte im Sand in dem Stück vorkamen, sind die Schauspieler mit ihren Fingern einer kleinen Schüssel mit Sand `herumgelaufen`. Auch eher außergewöhnlich war, dass die Schauspieler selber mit Gitarren spielten und dazu sangen. Dies war das Zeichen zur Schlacht gegen Godzilla. Godzilla ist eine mutierte Rieseneidechse, die aus der Urzeit stammt. Überall wo sie hinkommt, verstrahlt und zerstört sie alles. Angefangen hat alles mit dem Fischerboot `Glücklicher Drache V`, dessen komplette Besatzung getötet wurde. Immer mehr Booten auf hoher See passiert das gleiche, sie werden verstrahlt und komplett zerstört, ohne das jemand weiß, warum. So werden die Menschen auf die Ureidechse aufmerksam. Ein Professor, der neben Godzilla die Hauptperson in dem Stück war, sucht nach einem Mittel, mit dem man Godzilla bzw. Gojira, wie die Ureidechse eigentlich heißt, besiegen kann. Doch Gojira ist unbesiegbar. Das stellt unterdessen auch Tokio fest, denn Gojira steuert auf Tokio zu. Die Abwehrsysteme von Tokio können der Ureidechse nichts anhaben, und so wird Tokio fast komplett zerstört. Der Regierungschef wendet sich schließlich an den Professor, der mittlerweile auch ein Mittel gefunden hat, mit dem man die Gojira besiegen kann. Der Professor will Tokio das Mittel jedoch nicht überlassen, da er Angst hat, dass es in falsche Hände gelangen könnte. Dies ist nämlich hochgiftig und könnte die komplette Menschheit auslöschen. Der Regierungschef überzeugt den Professor jedoch, da sonst die Ureidechse alles auf der Erde zerstören würde. Diese atomkritische Geschichte wurde sehr oft verfilmt und beruht in Teilen auf wahren Begebenheiten: Das Fischerboot wurde tatsächlich durch einen amerikanischen Atomwaffentest verstrahlt, zerstört und die ganze Besatzung starb. In der Urverfilmung hieß die Eidechse Gojira, Zusammensetzung aus den japanischen Wörtern für Wal und Gorilla. Hollywood produzierte viele weitere Remakes, in denen die Atomkritik keine Rolle mehr spielt. In diesen Filmen hieß sie Godzilla. Nachdem das Theaterstück zu Ende war, konnten wir den Schauspielern noch Fragen stellen. Dann ging es mit der S-Bahn wieder nach Bernhausen. Ich fand das Stück sehr interessant, da man so ein Hörspieltheater nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Auch die Geschichte hat mir gut gefallen.“ Fasziniert davon, wie die Schauspieler mit wenigen Mitteln so unterschiedliche und passende Geräusche und damit Gefühle und Bilder im Kopf der Zuschauer erzeugen konnten, wollten die Klasse mehr darüber erfahren, welche Überlegungen und Vorbereitungen hinter der Bühne eine Rolle spielen. Also fuhren wir als nächstes ins prominenteste Stuttgarter Theater: des Staatstheater im Schlossgarten. Pia Stützle, die unsere Führung hinter den Kulissen organisierte, berichtet darüber: „Ein Bühnenmaler empfing uns vor dem Großen Haus, einem eleganten, über hundert Jahre altem, halbkreisförmigen Gebäude, das früher nur dem Adel diente. Heute finden hier Stuttgarts Opern-, Ballettaufführungen statt. Er führte uns in das Foyer des Opernhauses. Zunächst dachten wir die zahlreichen Säulen hier ringsum wären aus Marmor, doch der Stuckmarmor ist eine Attrappe, die uns echten Marmor vortäuscht. Dann ging es auch gleich weiter in den 1. Rang, wo sich die Königsloge befindet, ein kleiner Bereich, indem nur 25 Theatergäste Platz finden. Von dort sieht man direkt auf die Bühne. Wie der Name schon sagt, wurde diese Loge für das Königspaar gebaut. Das erklärt, warum sich dort auch heute noch die teuersten Sitzplätze befinden. Rechts- und linksseitig davon sind in diesem Rang noch zwei Seitenlogen. Die restlichen Rangsitzplätze sind auf die zwei darüber liegende Ränge verteilt. Im Parkettbereich, der wie ein Amphitheater aufgebaut ist, sind über die Hälfte aller Theaterplätze, insgesamt finden im Großen Haus 1406 Gäste Platz. Verglichen mit anderen Theatern erklärt sich die nicht so große Besucherzahl dadurch, dass es im Staatstheater nur Sitzplätze und keine Stehplätze gibt. Danach durften wir auf die riesige Bühne. Erstaunlicherweise werden auf dieser großen Fläche zur Beschallung des gesamten Zuschauerraumes keine Mikrofone und Lautsprecher benötigt. Das ist der Verdienst der Konstruktion eines Amphitheaters. Wir erkannten auch, dass die Bühne sehr weit in die Höhe geht, was vom Zuschauerraum nicht unbedingt zu erahnen ist. Unser Führer erklärte uns daraufhin, dass dadurch die Kulissen während einer Vorstellung durch Hochziehen und wieder Runterlassen mit Hilfe eines Seilzuges leicht verändert werden können. Im darauf folgenden Gang konnten wir die verschiedenen Requisiten für die einzelnen Vorführungen sehen. Jede Requisite wird nur für eine bestimmte Vorstellung verwendet, auch wenn man sie in anderen Stücken noch benützen könnte. Sie wird dann gegebenenfalls nochmals neu gemacht. Als nächstes zeigte uns der Bühnenmaler seinen eigenen Arbeitsplatz ein Stockwerk höher. Hier wird in einem sehr großen Raum gearbeitet, indem überall riesige kunstvolle Bilder zu sehen sind, die gesamten Kulissen. Die Bühnenmaler sprühen dort beispielsweise Fliesenböden schwarz an, lackieren Bänke und Stühle, oder zeichnen Werbeplakate per Hand. Ein weiteres Stockwerk höher befindet sich die Schneiderei in zwei relativ kleinen Räumen. Hier werden die Kostüme, die zuvor von den Modedesignern genau durchdacht wurden, hergestellt und den einzelnen Artisten direkt „auf den Leib geschneidert“. Ist eine Vorstellung ausgelaufen, kommt das Kostüm in den Fundus, der direkt neben der Schneiderei liegt. Dort wird es mit dem Namen des Schauspielers und dem Stück, indem es gebraucht wurde, beschriftet. So sieht man im Fundus eine riesige Anzahl an Bekleidung aus dem Mittelalter, über die Barockzeit bis in die heutige Zeit. Wieder ein Stockwerk tiefer besuchten wir die Modisten. Sie stellen die gesamte Kopfbekleidung her. Auch diese wird in Maßarbeit an die Köpfe der Schauspieler angepasst. Insgesamt arbeiten am gesamten Staatstheater Stuttgart 1500 Mitarbeiter, 1/3 Schauspieler, Sänger und Tänzer, 1/3 in der Büroverwaltung und 1/3 Bühnenbildner, Maskenbildner, Designer, Modisten und Schneider. Mich persönlich hat sehr beeindruckt wie viele Menschen für eine einzelne Aufführung arbeiten und wie gut alles übereinstimmen muss, damit kein einziger Fehler auf der Bühne passiert.“ Insgesamt also jede Menge Theater in der 8e – und die Erkenntnis, dass diese neue Textsorte extrem spannend und interessant ist!

Staatstheater

 

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